Kannibalismus, ein uraltes Erbe?

Ein Engländer hat seinen Liebhaber erst erstochen und danach einen Teil von dessen Oberschenkel gebraten und gegessen. Für die Tat muss der 36-jährige Engländer für 30 Jahre ins Gefängnis. Ein Richter legte im englischen Leeds das Strafmaß fest, nachdem eine Geschworenen-Jury den Mann des Mordes schuldig gesprochen hatte. Richter James Stewart bezeichnete den Fall als eine der „grausigsten Taten“, denen er je begegnet sei. Der Koch hatte den 33-jährigen Mann zum Abendessen eingeladen. Als sich der Gast ihm sexuell näherte, schnitt er ihm die Kehle durch und stach mehrfach auf ihn ein. Anschließend schnitt er Fleischstücke aus der Leiche heraus und bereitete sie in der Küche zu. Die Polizei hatte sechs Stücke gebratenes Menschenfleisch neben Gewürzen und Olivenöl in seiner Küche gefunden.

Es ist klar, dass dieser Mann sexuell gestört war, aber ist Kannibalismus ein uraltes Erbe? Waren unsere entfernten Verwandten Kannibalen, Menschenfresser, die ihresgleichen als leckere Beute betrachteten? Mancher schluckt trocken bei dem Gedanken, daß unsere Ahnen Kannibalen waren. Die fossilen Knochen von 800 000 Jahre alten Frühmenschen, wurden die 1997 im nordspanischen Atapuerca, gefunden. Sie weisen Schnittkerben auf. Die Paläontologin Dr. Yolanda Fernandez-Jalvo ist überzeugt: Hier wurden sechs Menschen geköpft, ihre Knochen vom Fleisch befreit, aufgeschlagen und anschließend achtlos weggeworfen. Auch in historischen Zeiten geschah Derartiges. Der Bioarchäologe Dr. Christy Turner von der Arizona State University hat zahllose Knochen der Anasazi untersucht, Vorläufer der heutigen Hopi- und Pueblo-Indianer. „Über vier Jahrhunderte wurde im Südwesten der USA und Mexiko Kannibalismus praktiziert.“ Die Anasazi hätten systematisch Menschen gefangen, in Töpfen gekocht und gegessen. Mit diesem Terror hätten sie ihr Nachbarvolk, die Polacca Walsh, für lange Zeit in Angst und Schrecken versetzt. Der französische calvinistische Theologe Jean de Léry schrieb 1578 in seinem Buch „Histoire d’un voyage fait en la terre du Brésil“: „Den Körper des Toten reiben und brühen sie so ab, dass sie die erste Haut herunterziehen können. Den Leichnam machen sie weißer, als es unseren Köchen gelingt, bereiten sie zum Rösten wie ein Spanferkel vor. Alle Teile des Körpers, sogar die Eingeweide, werden sorgsam gereinigt und dann sofort auf ein Rost gelegt. Während auf die Art der Wilden alles geröstet wird, versammeln sich die alten Frauen in der Nähe des Rosts, um das Fett, das an dessen Stäben herunterfließt, aufzufangen. Sie ermahnen die Männer, dafür zu sorgen, ständig solches Fleisch verfügbar zu haben.“ Einwandfrei belegt ist der Verzehr von Menschenfleisch nur in extremen Hungersituationen, zum Beispiel in den zwanziger Jahren im stalinistischen Rußland und bei einem Flugzeugabsturz 1972 in den Anden, oder bei zwanghaften Serienmördern, wie sie in die literarische Figur des Hannibal Lecter („Das Schweigen der Lämmer“). Die kulturelle Verarbeitung eines derartigen Verbrechens ist darauf bedacht, einen irgendwie gearteten rationalen Sinn hinter der Tat zu finden. Zu wahnsinnig scheint der Kannibalismus, als dass wir ihn einfach als Faktum hinnehmen könnten; zu sehr greift diese Form der Tabu-Verletzung das kulturelle Selbstverständnis an, als dass die Kultur nicht darauf reagieren müsste.

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