Verkehrte Welt

Als ich zur Schule ging, da war die Welt klar aufgeteilt. Im Westen lebten die Guten und im Osten die Bösen. Einfache Wahrheiten sind immer angenehm und während den Menschen im Osten die Möglichkeit zur Überprüfung fehlte, mangelte es im Westen am Interesse. Warum sollten man sich seine mühsam aufgebauten Vorurteile selber zerstören. Nach dem Mauerfall hat sich eigentlich nicht viel verändert. Es gilt weiterhin, dass alles, was aus dem Westen kommt gut ist und alles, was aus dem Osten kommt nichts taugt. Nur eins hat sich geändert. Während bis 1989 die Menschen in den kommunistischen Ländern vom heilbringenden Kapitalismus ausgeschlossen waren, können sie heute nach Lust und Laune ihrer eigenen Version von sozialer Marktwirtschaft Gestalt geben. Wer durch Osteuropa reist und sich mit den Verhältnissen dort beschäftigt, der begreift schnell, dass dort der Kapitalismus par excellence regiert. Geld, Konsum, Luxus, das sind die Werte der Generationen von heute. Universitäten werden nicht besucht, um etwas zu lernen, sondern um den Zugang zu den Futternäpfen des Konsums zu bekommen. Und schnell muss es gehen. Da niemand weiß, was Morgen sein wird, will man sofort genießen. Langfristige Lebensplanung ist out, es zählt nur das Heute. Das einzig langfristige sind die Kredite, mit denen sich viele Osteuropäer ihren westlichen Lebensstil finanzieren.

Und da sind wir doch gleich beim Thema. Während in Budapest, Sofia, Tallin, Riga, Prag, Bukarest und anderen Hauptstätten des ehemaligen Ostblocks der Wohlstand zunimmt und sich eine konsumorientierte Mittelschicht entwickelt, können Oscar Lafontaine und Konsorten im Westen punkten, wo die Mittelschicht um ihre Jobs bangt und inzwischen durch Arbeitslosigkeit und Kaufkraftverlust schon auf dem Niveau von Arbeiterfamilien angekommen ist.

Wer 1989 in Deutschland gefordert hat, dass sich die Lebensverhältnisse von Ost und West anpassen sollen, der meinte damit sicher nicht, dass man sich in der Mitte treffen soll, sondern das der Osten auf Westniveau angehoben werden soll, was gründlich schief gegangen ist. Schuld daran sind natürlich nicht unsere Politiker, sondern die weltwirtschtliche Gesamtlage.

Nach dem in Amerika immer mehr Traditionsbankhäuser und Versicherungsgesellschaften pleite gehen, fangen die Staaten an die Verluste dieser Häuser zu verstaatlichen, sprich aus Steuergeldern Sicherheiten zu finanzieren oder wertlose Aktien zu kaufen, um den Markt zu stabilisieren. Die Empörung in der Bevölkerung ist verständlicherweise riesengroß. Man beschwert sich darüber, dass Gewinne privatisiert, Verluste aber sozialisiert werden. Man spricht schon vom Scheitern der Marktwirtschaft nach ihrem jetzigen Bild und der Einführung einer Softkommunismus, in dem liberale Werte dem Funktionieren des ganzen Systems geopfert werden. Das wäre doch eine lustige Vorstellung, wenn sich der kalte Krieg mit umgekehrten Vorzeichen widerholen würde.

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1 Response so far »

  1. 1

    Kalter Krieg reloaded? Na wenigstens verschwindet diese Sache mit dem guten Westen und dem boesen Osten. Und vielleicht hoere ich einmal im Radio ueber der finanziellen Hilfe die Rumaenien der USA ausgeliehen hat.


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