Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.

„Na, kannst Du auch nicht lesen? – so lautet die coole Anmache in der Hörbuchabteilung von Hugendubel. Computerhersteller überschlagen sich bei ihren Versuchen das digitale Buch auf dem Markt zu bringen und übersehen dabei völlig, dass sich das Lesen als Trend doch schon erledigt hat. Das optimale Produkt sieht folgendermaßen aus. Was immer sie lesen wollen, Otto Sander liest es ihnen vor. Nachrichten, Krimis, Steuererklärungen und Stromrechnungen. Wenn sie wünschen können sie die passenden Bilder per WLAN auf das Cover des Hörbuches downloaden oder auch Antworten diktieren. In wenigen Jahrezehnten wird Analphabetismus wieder zunehmen, da Lesen und schreiben überflüssig geworden ist, wo wir doch hören und sprechen können. Google wird die größte Hörbörse der Welt, wo sie bei einem gesprochenen Wort als Treffer 1, 2 Millionen Antworten bekommen. Natürlich nur, wenn sie Zeit haben, sie sich auch alle anzuhören.

Zu Beginn werden diese interaktiven Hörbücher nur für unsere oberen Zehntausend erschwinglich sein, doch wie bei allen technischen Neuerungen ist die Marktreife nach wenigen Monaten erreicht und dann werden sich die ersten Otto-Normalverbraucher so eine Hear-Pod leisten können. Spätenstens zu Beginn der 20er Jahre, die ja schon im letzten Jahrhundert eine Blütezeit von Kunst und Kultur waren, wird jeder Schüler auf dem Weg nach Hause die Möglichkeit haben, sich schnell noch den Faust I und II vorlesen zu lassen. Selbstverständlich mit der Stimme von Otto Sander in der Shareware-Edition oder der Stimme von Johann Wolfgang von Goethe in der Golden Edition. Wer sich jetzt fragt, wie es möglich sein soll einen normalen Jugendlichen dazu zu bewegen Faust zu hören, hier ist die Antwort:

Die Downloads lassen sich von Eltern, Lehrern und Staat regeln, da das Speichern von Dateien auf dem eigenen Computer nicht mehr möglich ist. Betriebsysteme lagern auf zentralen Servern, auf die jeder seine persönliche passwortgeschütze Zugangsberechtigung hat. Als Erziehungsberechtigter können sie so natürlich bequem bestimmen, welches Angebot an Literatur ihren Kleinen zur Verfügung steht. Man kann auch Punkte sammeln. Läd sich der Sprössling zum Beispiel dreimal Wolfgang Borcherts „Draussen vor der Tür“ runter, dann erhält er 30 Punkte, die er gegen 20 Minuten „Fluch der Karibik“ eintauschen kann. So ist für eine ausgewogene Bildung gesorgt.

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6 Antworten so far »

  1. 1

    Das finde ich mal eine klasse Idee! Ich bin mir sicher, dass so bald die Schueler ein paar Stuecke hoeren, sie auf den Geschmack kommen und dann selbst weiter machen. Ich merke, dass das Problem viel mehr daran liegt, dass die Schueler heute nicht einmal mehr versuchen zu sehen wie diese wichtigen Werke sind. Diese Idee wuerde ich unterstuetzen.

  2. 2

    RobertM said,

    So ein Hear Pod ist aber nicht schlecht, wenn man nicht lesen kann, z.B. im Bus, oder im gehen.

  3. 3

    FabiF said,

    Vorlesen ist fuer Kinder! Es ist doch nicht so schwer ein Buch zu lesen. Wo bleibt der ganze Spass wenn einem das ganze vorgelesen wird?

  4. 4

    Irish said,

    Ich selbst benutze auch Audiobooks, aber lese auch. Manchmal bin ich zu muede zum lesen und dann hoere ich viel lieber. Bei manchen passt auch die Stimme wunderbar mit der Geschichte zusammen.

  5. 5

    MissSilke said,

    Es ist schade, dass man dann keine Buecher mehr sammeln kann. Dann stellt man einen PC ins Buecherregal.

  6. 6

    Wow! Diese letzte Idee die ganze Informations-Highway auf einmal zu kontrollieren und zu regeln auf Staats-kontrollierte Servers hoert sich so nach einem „1984“-Style Buch an. Information ist die wirkliche Macht und wer Information kontrolliert…


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